1. Der Start ins New Business Development

Da bin ich nun. Marcus, Anfang dreißig, studierter BWLer mit mehrjähriger Agenturpraxis als Account Manager in einer der besten Inhabergeführten Agenturen des Landes. Ab heute also hier! Habe mich durchsetzen können in dem Bewerbungsverfahren um den Posten des hiesigen New Business Managers. Ausschlaggebend war wohl der gute Name meines vorherigen Arbeitgebers. Und dass ich während meiner Studentenzeit in einem Call Center gejobbt habe. Als ich das im Bewerbungsgespräch erwähnte, war es, als hätte ich bei den Geschäftsführern eine Tür aufgestoßen. Fortan erhielt ich eine Aufmerksamkeit, die sich aus Bewunderung, Abscheu und großer Neugier speiste.

Also dann, Tag eins. Los geht’s! Die neue Kollegin am Empfang, Natalie, begrüßt mich gleich mit meinem Vornamen. „Wir duzen uns hier alle!“, meint sie und bittet mich, einen Moment im Vorraum Platz zu nehmen. Während ich dasitze, stellt sie mir lauter Fragen, will wissen, was ich so mache und wo ich herkomme. Ganz schön neugierig, denke ich mir. Pausenlos kommen neue Mitarbeiter herein. Einige völlig wortlos. Interessant. Das Telefon klingelt. Natalie meldet sich mit „Boncreativa, Natalie Felzer, guten Tag“. Sehr schnell gesprochen, eigentlich kaum zu verstehen: „…der ist noch nicht da….,kann ich ihnen nicht sagen, …okay… Wiederhören!“

Frau Sommer kommt zur Tür herein, die Geschäftsführerin. Sie grüßt freundlich und kommt gleich auf mich zu: „Herzlich willkommen, Herr Weiß, schön, dass Sie da sind! Warten Sie noch einen Augenblick, ich hole Sie gleich ab.“ „Ja, ja“, sagt Natalie betont mitfühlend, „immer ein bisschen komisch, so ein erster Tag!“

Ich achte allerdings mehr auf die sich entfernende Frau Sommer; eine wirklich interessante Erscheinung!  Nach wenigen Minuten kommt sie zurück und führt mich in den Konferenzraum. Dort findet offenbar gerade das Montagsmeeting statt. Rainer König, der Gründer und Geschäftsleitungskollege von Silke Sommer, tauscht sich gerade mit rund einem halben Dutzend Mitarbeitern aus, die allesamt in einer sehr legeren Haltung um den Konfitisch herum versammelt sind. „Ach, da ist er ja“, unterbricht er das Gespräch und wendet sich mir zu. „Der Neue für unser New Business, Marcus Weiß! Unsere Geheimwaffe für kommende Zeiten! Marcus, wollen Sie sich mal kurz vorstellen?“

Ich tue, wie mir geheißen, stelle dabei aber fest, dass es kaum einen so richtig zu interessieren scheint. Sehr schnell wendet man sich wieder den anderen Themen zu.

Silke Sommer erkennt, dass wir hier nicht mehr gebraucht werden, und führt mich kurz durch die Agentur. Ich habe das Gefühl, dass sie den Mitarbeitern, denen sie mich vorstellt, immer wieder aufs Neue erklären muss, welche Aufgabe ich künftig ausführen werde. Ja, man könnte beinahe den Eindruck gewinnen, dass sie es ihnen geradezu verkauft. Dennoch scheint es nur wenige zu interessieren. Schließlich zeigt sie mir meinen neuen Arbeitsplatz; ein kleines, ruhiges Büro mit einem Telefon und einem PC. „Leben Sie sich erst einmal in Ruhe ein. Hier in dem Schrank sind die Akten Ihres Vorgängers. Wenn Sie etwas benötigen, sagen Sie Natalie am Empfang Bescheid. Rainer König und ich möchten uns dann morgen um halb zehn mit Ihnen treffen, um die weitere Vorgehensweise zu besprechen! Haben Sie noch Fragen?! Nein?“. „Danke! Alles gut!“

Silke Sommer verlässt mein neues Büro und es wird schlagartig still. Ich setze mich auf meinen neuen Stuhl und fühle mich in meinen neuen Arbeitsplatz ein. Wenig später kommt Natalie und teilt mir ihr dringendes Bedürfnis mit, mir die Kaffeeküche zu zeigen: „Ist doch schließlich das Wichtigste in einer Agentur!“

Den Rest des Tages verbringe ich damit, zahlreiche Aktenordner zu sichten. Sie enthalten Kopien von (Serien-) Briefen, die teilweise mit handschriftlichen Notizen versehen sind. Eine Interessentenliste, geschweige denn Datei, suche ich vergebens. Das scheint alles zu sein, was die bisherige Neugeschäftsarbeit dokumentiert.

Mir wird klar, dass hier eine Menge Arbeit auf mich wartet.